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taugedanken glitzerschnee

Die Sonne nicht gesehen. Es war dunkel. Höchstens der lächerliche Schein dieser kleinen Lampe, der Schein dieser Lapen, kalt, kälter als die Dezembersonne. Und auch die Januarsonne nicht gesehen. Zugezogen. Das Gesicht zerissen, die Augen taub und stumm, wertloser Mund. Du bist nicht mehr da. Das Licht, dieses lächerlich kleine in mir brennt, es ist kalt, kälter als die Januahrsonne jemals sein wird. Und das Brennen ist so unermüdlich, ernüchternd kalt und klirrend, wie die Straßen ohne Schnee. Vorhin, als wir uns das letzte Mal küssten, fing es an zu schneien. Es war kein herrlich romantisches, leichtes Schneien, nein, es war ein tauber Schneefall, ein angstvoller, einer der in diese kaltgenassten Straßen eigentlich nicht hingehört. Es war ein flüsterner Fall, ein schmerzhaft schöner. Ein bedeckender Traum, so wie unser einer war. Zugedeckt, einander wärmend, einander kühlend. Redend, denkend, lernend, schlafend, schweigend, spürend. So wie noch nie. Immer mit dem besonderen Fall des umherschweifend schönen, dem wir hinterherträumten, es einzufangen versuchten. Obwohl wir wussten, dass der Flug lösgelößt, unangetastet gehört, frei sein sollte, frei sein muss. Der Genuss des Vergänglichen ist eine Kunst, eine Kunst des Ausblendens, des Auschöpfens, des Einverleibens. Der Genuss ist unvergleichbar durch seine gewusste Vergäglichkeit, er ist so träumerisch, liebevoll wie wir im dunklen ohne Zeit und ohne Aufgaben. Die einzige Aufgabe, das zu halten, was nun gerade noch haltbar ist, ungehaltend überschäumt und in Schneegedanken mündet. In alle Schneegedanken dieser Welt. In den vergänglich ungehaltenden tagträumd Taugedanken, der die Eiseskälte mit sich nimmt. Aber auch unser Zeitloses aneinander sein, das Schmiegen, das flüsternde Fallenlassen. Es war nur dieser eine zeitlose Moment, von der ersten bis zu letzten Berührung. Vom ersten Schöpfen bis zum unerschöpflichen Auschöpfen. Dieser kleine Moment zwischen hier und jetzt, der in seiner Leichtigkeit, in seinem Schwermut zu erleben tragbar war. Gesättigt von uns, nährend von vergangenem Überfluss, getrieben von vergangenen Sternen, rührend, ruhend von verlorenem Schmerz, einander teilend, mitteilend, vollkommen unvollkommen. Und nun wieder im ganzen allein sein. Den anderen noch auf der Haut. Noch durch deine Augen sprechend und deinen Mund sehend. Ausnüchternd. Das einzige, was vollends geblieben ist, sind die Töne, die Stille, die Treppen und Türen, Fenster, Ebenen, von dir betreten. Die Türen stehen auf, als wenn du gleich wieder kommst, es zieht durch Fenster. Die Treppen haben sich zu neuen Konstellation zusammengesetzt, die Ebenen erweitert. Und ich bin immer noch im Zeitlosen gefangen. Im Schwebezustand zwischen der Januarsonne, die eigentlich nur eine beschienende Wolkendecke ist und meiner Wolkendecke, die irgendwo scheint, als wäre sie Sonnig. Ich träum von dir mit offenen Augen und esse den überflüssigen Reis. Matschig, fad und irgendwie undefinierbar süß, eine bittere, bizarre, salzige Süße. In Gedanken schmiege ich mich an dein Gesicht, gebe der endlos kleinen Stelle zwischen Bart und Auge einen Kuss, atme dich ein, aber eigentlich aus. Nachdem wir uns den letzten Kuss gegeben haben, der so selbstverständlich schön und bewusst unmittelbar geschmeckt hat, bin ich ohne dich gegangen und du ohne mich. Und trotzdem hat der gleiche Schnee auf uns geklebt, der wie Regentropf schien. Aber es war klirrend klarer Glitzerschnee, von weit oben tief auf den Boden fallend. Wie wir. Für eine Sekunde das Glitzern in den Augen verlierend, das Lächeln im Mundwinkeln ein Trugschluss und dennoch unwiderlegbar Bestätigt. Unbeständig. Auf dem Nachhauseweg weiter weg von dir, mit mir, da hat es nicht geschneit, es hat nicht geregnet. Es war dunkel und ich hab darüber nachgedacht, ob da oben nun vielleicht Wolken sind. Ich konnte sie nicht sehen und der Mond wurde von den vielen häusernden Treppen, mit Türen und Fenstern verschluckt, gefressen. Auf der Straße war es still, in mir nicht, obwohl ich verstumme. Irgendwie ist es schön und doch zu traurig, wie die Straße, weil dort das Glitzern auf dem Boden haftet. Es hat gefunkelt, bei jedem Schritt tausendfach anders. Klar und kalt, aber nicht zu kalt und eigentlich bestechend unklar. Mystisch Glitzernd. Sparsam und sehnsüchtig schön. Wie du und deine wolkenlosen Augen.
3.1.11 22:23
 


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