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straßenschrittgesichter

Die Tür fällt ins Schloss und es überkommt mich ein bedrückendes Gefühl. So weit das Auge reicht Leben, schnelles, robustes, rigides Leben. Von allen Seiten prassen Angebote auf mich ein, die sich überflutend aufdrängen. Sie interessieren mich nicht oder besser gesagt ich wünschte sie würden es in soweit nicht, dass ich sie ignorieren könnte. So wie ich gerne die Menschen ignorieren würde, die starren Blickes durch die Straßen hetzen. Irgendwie unbewusst, auf sich selbst bezogen, abscheulich funktionierend. Mit diesem gleichgültigen, aber dennoch forciertem Blick, in ihrem – und nur ihrem Körper. Ich versuche manchmal mit meinem Blick in sie einzudringen, versuche sie zu lesen. Hänge mich an kleinen Fältchen auf und orientiere mich an Mundwinkeln, Augenringen, Schrittcharacteren. Manchmal ist die Art und Weise wie jemand den Rauch der Zigarette ausstößt signifikant oder etwa die Art und Weise, wie mit einem leichtfertigen und gleichsam elegant flüchtig-forschen Blick beide Seiten der Straße fokussiert werden, bevor eine Person jene überquert. Manchmal ergeben die Subsummierung vieler kleiner Einzelheiten, die für nicht mehr als eine Sekunde auf mich einwirken eine zufrieden wirkende Gesichtsformation, zumeist jedoch unterliegen die Mimiken einer temporären Angespanntheit, welche eine Wand zieht zwischen drinnen und draußen. Daneben oder dahinter lässt sich dann ein ursprüngliches Wesensgefüge erahnen, eben an den klitzekleinen Indikatoren erahnen und zusammenfühlen. Oftmals fühle ich mit, bin betroffen, verletzt oder auch entzückt, hingerissen und berauscht von einem Detail oder Gesamtbild. Diese Art von Empathie verläuft stumm und verweht im Gegensatz zur auf den Punkt haargenauen Blitzsekunde des Eindrucks zum Glück mit einer schwermütigen Leichtigkeit.
Und genau dieser gut vereinbarende Widerspruch, der bitter süßen Straßenschrittgesichter mattet und belebt, lässt mich erkennen und verkennen wen ich eigentlich nicht – und was ich trotzdem kenne. Was ich eigentlich ignorieren mag und nicht aus den Augen lassen kann.. Ich selber blicke verträumt, scheu und suchend durch die Gegend. Dabei wirke ich vermutlich starr und fokussiert, wie alle Temporären und das nur, weil es mir ein bisschen Angst macht, dass die anderen mich so unmittelbar erblicken, aus meinen Augen lesen könnten.
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Deswegen habe ich mir fast automatisch angewöhnt, neben dem Straßenschrittgesichterlesen die Wände aufzusaugen und mir angewand.te Gesichternamen anzuschauen. Namen und Wörter haben nämlich auch ihren Character. Eingrenzende Aggression, und ausschweifende Träumerei sind ihnen manchal in der Buchstabenkonstruktionen immanent und berühren mich. Ich mag sie lieber als Menschen, obwohl sie irgendwo Stellvertreter sind. Aber sie hetzten nicht und treten trotz einer abstrakten Interaktion nicht in einen unmittelbar konfrontativen Austausch, trotzdem sie eine Konfrontation durch ihr Medium und ihre Darstellung fordern, dazu einladen. Sich in ihren Wortgerüsten schutzlos präsentieren. Sie fordern meine Wertung und Analyse hundert mal mehr, als irgendein Gesicht, aber überfordern mich nicht im geringsten so sehr, wie es Menschen tun. Die Worte liefern sich aus, verlassen durch den gegenständlichen Objektstatus ihr Subjekt, lassen sich subjektiv erfassen. Welch Wirrung. Mir gefällt, dass diese Worte der Personen, die hinter ihnen stecken ein paar ganz elementaren Dinge verbindet. In der Materie die Illegalität und der gesellschaftliche Ungehorsam, Materiell die Farbe, die Projektionsfläche. Ferner die situative Spannung, zumeist explosive Stille der Nacht, sowie das auf sich reduzierte der Tätigkeit, selbst wenn man nicht allein ist. Das was zählt ist ein Abbild seiner oder ihrer selbst. Trotz der so einsamen Wortgewalt inmitten allen Lebens, tausend Blicken ausgesetzt. Ihnen aber standhaltend, im Gegensatz der Straßenschrittgesichter, die alle lebendig fliehen, nicht verwand.t sind mit der belebenden Materie, sich in Mimik und Gestik niemals so treffend ausdrücken könnten, wie ein einziges Wort an einer grauen Wand.
20.9.10 00:36
 


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